Zusammenhänge helfen gegen Desinformation

Das hat so manchen Zuhörer überrascht: einzelne Aussagen von Politiker auf Fehler überprüfen, also „political factchecking“, helfe wenig im Kampf gegen Desinformation, sagt Tom Rosenstiel, der Direktor des American Press Institute. Vielmehr müssten sich Journalisten darauf verlegen, ihrem Publikum die Zusammenhänge zu einem Thema nahezubringen. Damit könnten Mediennutzer selber Falschaussagen als solche entlarven. Rosenstiel nennt es „theme orientated factchecking“.

Fake News, Desinformation, Medien und Demokratie waren die Eckpfeiler des Vortrags von Tom Rosenstiel in Salzburg, zu dem der Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Universität, das Kuratorium für Journalistenausbildung und die US-Botschaft in Österreich eingeladen hatten.

Tom Rosenstiel ist ein Veteran in der Branche: Journalist bei der Los Angeles Times, bei Time, Newsweek und MSNBC, Buchautor und eben Executive Director des American Press Institute, einer gemeinnützigen Bildungsorganisation, die sich mit Publikumsforschung, medienökonomischen Aspekten und der Verantwortung von Journalisten beschäftigt.

Mehr Glaube als harte Fakten

Desinformation im öffentlichen Diskurs hat es immer schon gegeben. Darauf weist auch Tom Rosenstiel hin. Das neue Medien-Ökosystem hat der massenhaften Verbreitung von Falschem aber Vorschub geleistet. Seit jede und jeder im Internet, vor allem in den sozialen Netzwerken, publizieren kann, „haben sich News von Medienmarken losgelöst“, hat es Rosenstiel formuliert. Damit sind Informationen im Umlauf, die in Tageszeitung, Radio oder Fernsehen gar nicht gedruckt oder gesendet worden wären, weil Journalisten sie als falsch erkannt hätten. Bei Informationen in sozialen Netzwerken stellen sich immer mehr User nicht mehr die Frage, wer etwas verfasst hat, sondern wer die Information geteilt hat, zitiert Rosenstiel aus Studien und resümiert: „Wir leben eher in einer Welt des Glaubens als in einer Welt der harten Fakten.“

Weniger Gatekeeper – mehr Analytiker

Wer seine Botschaft unter die Leute bringen will – ob Politiker, Öffentlichkeitsarbeiter oder Lobbyist – kann sich im neuen Medien-Ökosystem den Umweg über Redaktion und Journalisten sparen: keine Überprüfung, keine Interpretation, keine Analyse der Botschaft – vielmehr der direkte Weg zu den „Menschen, die früher als Publikum bekannt waren“, wie Jay Rosen das Publikum in Zeiten von sozialen Netzwerken nennt.

Die Entscheidung, welche Informationen die breite Öffentlichkeit in welcher Form erreicht, diese fundamentale journalistische Aufgabe des Gatekeeping, haben die sozialen Netzwerke den Medien also weitgehend abgenommen. Die Teilnehmer in den sozialen Netzwerken entscheiden, welche Themen veröffentlicht und diskutiert werden. Auch Politiker, Öffentlichkeitsarbeiter, Lobbyisten.

Deren Botschaften an die Communities analysieren, interpretieren, in einen Kontext stellen, beantwortet Tom Rosenstiel die Frage, wie sich Journalisten auch in Zukunft für den gesellschaftspolitischen Diskurs unentbehrlich machen müssen.

Das Publikum als Verbündeter

Als ein wichtiges Kriterium für den Erfolg von journalistischen Medien in der Zukunft nennt Tom Rosenstiel immer wieder, dass sich Medienhäuser, Redaktionen, Journalisten mehr und anders als bisher um ihre Leser, Hörer, Seher und User kümmern müssten. Es reiche nicht mehr aus, den Erfolg von Berichterstattung nach Klickzahlen oder Mengen an Unique Clients zu bemessen, die ja in Wirklichkeit keine Menschen, sondern IP-Adressen von Computern sind.

Eine Bildergalerie kann viele Klicks generieren. Aber wirklich wichtig für Medien sind Nutzer, die sich für Geschichten interessieren, sie teilen, die wiederkommen. Diese Menschen seien wichtig für die Medien, weil sie im besten Fall auch zahlende Kunden werden. Rosenstiel verweist auf die New York Times, deren Einnahmen im Digitalbereich 2017 um 14 Prozent gestiegen, im Printbereich um 14 Prozent gesunken sind.

Apropos Werbung: Gerade, weil sie für die Finanzierung journalistischer Arbeit nicht mehr ausreicht, plädiert Rosenstiel dafür, sich intensiv mit dem Publikum auseinanderzusetzen. Er bemüht dafür Wirtschaftsmodelle. Bislang sei das das Mediengeschäft eine B-to-B-Angelegenheit gewesen: Medienhäuser machen Werbung für Wirtschaftsunternehmen. Jetzt brechen Werbekunden und damit Werbeeinnahmen weg. Jetzt werde das Mediengeschäft zu einer B-to-C, Business-to-Consumer-Angelegenheit, sagt Tom Rosentiel: „Wenn es ausreichend Kunden gibt, dann kann der Journalismus nicht nur überleben, sondern auch besser werden.”

Herausforderungen der Zukunft

Tom Rosenstiel nannte in seinem Vortrag in Salzburg auch einige Kriterien, die seiner Meinung nach Journalismus in der Zukunft besser machen:

  • Berichterstattung muss alle verfügbaren Medien nützen, nicht in den Beschränkungen verharren, denen Print, Hörfunk und TV unterliegt (multimediale Berichterstattung also).
  • Das Internet ermöglicht einfacher den je Zusammenarbeit über Ländergrenzen und Zeitzonen hinweg. Diese „kollaborative Intelligenz“ sollten Journalisten untereinander oder mit Experten nutzen.
  • Journalisten sollten leidenschaftlich aber unaufgeregt berichten.
  • Journalisten müssen auf Augenhöhe mit ihrem Publikum kommunizieren. Das bedeutet auch mehr Transparenz als bisher. Zusätzlich zur Berichterstattung sollten Leser, Hörer, Seher und User erfahren, warum ein Thema ausgewählt wurde, wie recherchiert wurde, warum eine Geschichte gerade aus dieser Perspektive erzählt wurde.

Zusätzliche Informationen:

uniTV – das Salzburger Unifernsehen: Videodokumentation des Vortrags von Tom Rosenstiel 

Tom Rosenstiel über die Medienkompetenz des Publikums und die Rolle des Journalismus: Journalists can change the way they build stories to create organic news fluency

Website von Tom Rosenstiel mit einigen Essays und Artikeln zum Lesen

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