Von Datenjournalisten und dem Amtsgeheimnis

Quelle: MKFI/WikipediaUsbekistan: 61 Punkte, Tadschikistan: 51 Punkte, Österreich: 37 Punkte. Österreich ist Schlusslicht – Platz 97 von 97 Kandidaten – im Länderranking der spanisch-britischen Nichtregierungsorganisation “Access Info Europe” und des kanadischen “Centre for Law and Democracy” bei der Frage, wie es die Staaten weltweit mit dem Recht auf Information für ihre Bürger und Medien halten. Markante Beispiele für die Situation in Österreich zählt Mathias Huter in seinem Artikel “Die verschlossene Republik” für die Juni-Ausgabe der Zeitschrift “Datum” auf.

Ende Juni kochte die mediale Debatte hoch, als Überlegungen der SPÖ-ÖVP-Koalition  bekannt wurden, bei der Reform der parlamentarischen Untersuchungs-Ausschüsse ein  “Verwertungsverbot“ für geheime Unterlagen durch Medien” ins Gesetz zu schreiben. Nach lautstarken Protesten ist dieses Vorhaben – zumindest vorerst – vom Tisch.

Transparenzkriterien müssen geheim bleiben

Kafkaesk mutet in diesem Zusammenhang auch die Neuregelung für die Verleihung jener Staatsbürgerschaften an, die im Interesse der Republik erfolgen, vulgo Promi-Einbürgerungen. Um diese transparenter zu machen, hat die Innenministerin einen Kriterienkatalog beschließen lassen. Der aber wird nicht veröffentlicht, weil er unters Amtsgeheimnis fällt.

Und immer wieder das Amtsgeheimnis als Begründung, warum staatliche Stellen Informationen nicht herausrücken. Im Artikel 20, Absatz 3 des Bundesverfassungs-Gesetzes ist es formuliert. Mit der Forderung nach einem Informationsfreiheitsgesetz nach dem Vorbild vieler Länder statt des Amtsgeheimnisses Metternich’scher Prägung ist auch das Forum Informationsfreiheit , zu dessen Initiatoren auch etliche Journalistinnen und Journalisten gehören, bislang erfolglos geblieben.

Zahlenfriedhöfe anschaulich machen

(c) PRVA SalzburgDas werde sich ändern, ja ändern müssen, weil kein Weg daran vorbei führe, dass staatliche Stellen Informationen bereit stellen. Das sagte der Datenjournalist Marco Maas bei einem Interview (unten nachzuhören), das ich mit ihm vor seinem Vortrag beim PRVA Salzburg im Juni geführt habe. Marco Maas kommt aus Deutschland, wo seit 2006 ein Informationsfreiheitsgesetz gilt, das “jeder Person einen voraussetzungslosen Rechtsanspruch auf Zugang zu amtlichen Informationen von Bundesvbehörden gewährt.  Eine Begründung durch Interesse rechtlicher, wirtschaftlicher oder sonstiger Art ist nicht erforderlich.”

Journalisten brauchen Daten für ihre tägliche Arbeit. Seit jeher. Datenjournalisten brauchen sie umso mehr. Marco Maas ist Geschäftsführer von OpenDataCity, einer Agentur für Datenjournalismus mit Sitz in Berlin, die Projekte für renommierte Medienhäuser wie „Zeit Online“ realisiert und LobbyPlag betreibt. Für ihn ist Datenjournalismus mehr als das die Verwendung von Zahlen in der klassischen Berichterstattung.

“Journalismus hat das Problem, dass im Moment sehr viele Geschichten erzählt werden, die auf gefühlten Emotionen basieren und nicht auf konkreten Daten, beobachtet Maas. “Datenjournalismus ermöglicht die fundierte Auswertung, erlaubt zu sagen: Worüber wir berichten ist kein Einzelfall, sondern Zahlen belegen, dass auch noch tausende andere davon betroffen sind. Datenjournalismus versucht, den Journalismus wieder ein Stück weit faktenbezogener zu machen.” (Auf Zitat klicken um Originalton zu hören)

Der deutsche Datenjournalist ist damit auf einer Argumentationslinie mit Paul Steiger, dem Chef der investigativen Non-Profit-Redaktion ProPublica und davor Chefredakteur beim Wallstreet Journal. Der sagt: “Journalismus war eine Zusammenfassung von Anekdoten. Mit Daten lassen sich Thesen auch tatsächlich belegen.”

Zusatznutzen durch Interaktivität

ProPublica hat mit dem investigativ-journalistischen Projekt “Dollars for Docs” aufgezeigt, wie viel Geld Mediziner in den USA von der Pharmaindustrie erhalten. Daraus sind bislang nicht nur eine Reihe interessanter Hintergrundberichte entstanden. Vielmehr hat jeder User hat die Möglichkeit, den Namen seines Arztes einzugeben und zu überprüfen, ob und von welchem Pharmaunternehmen dieser Geld bekommen hat. Ein erhellender Service für US-Patienten. Diese Möglichkeit für den Benutzer, interaktiv und ganz individuell mit den Daten umzugehen, ist für Marco Maas auch ein wesentlicher Unterschied von Datenjournalismus zum Journalismus, der Daten als Bestandteil der Berichterstattung verwendet.

In Österreich hat das Team von Dossier.at mit der Untersuchung der Lebensbedingungen von Asylanten hierzulande, vor allem aber mit der Aufarbeitung der Inseratenaffäre, wie tief Politik und Medien durch Werbeschaltungen verstrickt sind, Meilensteine für den Datenjournalismus gesetzt.

Aber auch das Engagement der Open-Data-Initiative, behördliche Datensätze maschinenlesbar bereit zu stellen, ändern nichts am letzten Platz Österreichs im Informationsfreiheits-Ranking. Daten über Park-&-Ride-Anlagen in Wien, über die Altersstruktur des Personals im Linzer Magistrat oder die Liste der beliebtesten Vornamen in Salzburg 2011 reichen nicht aus.

 

 

 

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