Zur Zukunft des Journalismus

Snow FallAls spektuakuläres Beispiel für das Potenzial digitalen Storytellings zeichnete die Jury des “Peacock Awards“, der am Grady College im US-Bundesstaat Georgia vergebenen Auszeichnung für elektronische Medien, “Snow Fall – the Avalanche at Tunnel Creek” aus. Eine multimediale Erzählung, die im Dezember 2012 von der New York Times veröffentlicht und nicht nur von der Fachwelt begeistert aufgenommen wurde. Im Überschwang der Begeisterung war schon davon die Rede, das sei die Zukunft des Journalismus. Eine sehr eindrucksvolle Multimedia-Reportage als Hoffnung für eine krisengebeutelte Branche … das wird es wohl nicht werden. Aber “Snow Fall” ist doch ein gutes Beispiel, wie attraktiver Journalismus im digitalen Zeitalter aussehen kann.

 Großer Aufwand … viel Erfolg

Im April 2013 wurde “Snow Fall” als hervorragende Arbeit, in der alle verfügbaren journalistischen Ausdrucksmittel eingesetzt werden, mit einem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. “… the New York Times multimedia storytelling sensation …” titelt das Nieman Storyboard vom gleichnamigen Journalism Lab. Aber nicht nur die Journalismus-Fachwelt zeigt sich euphorisch, auch das Publikum honorierte die Geschichte: In den ersten sechs Tagen, in denen “Snow Fall” online war, riefen 2,9 Millionen  Besucher die Seite 3,5 Millionen Mal auf.

Aber: “‘Snow Fall’ ist nicht die Zukunft des Journalismus”, schreibt Derek Thompson in der Onlineausgabe der Zeitschrift “The Atlantic“.

Nachdem er dem Stück seine Referenz erwiesen hat (“ein Triumph, was Berichterstattung, Design und Kreativität betrifft”), erläutert Thomson seinen Standpunkt: Das Projekt war mit sechs Monaten Dauer sehr zeitaufwändig; Reporter John Branch hat ein Grafik- und Designteam von elf Leuten zur Seite, dazu einen Fotografen, drei Videoreporter und einen Rechercheur. Deshalb würden, schließt Thomson in “The Atlantic”, Multtimediareportagen nicht die Regel in der Berichterstattung.

“Snow Fall” sollte Mut machen

(c) New York Times
John Branch

Mit seiner betriebswirtschaftlichen Annäherung hat er wohl Recht. Das nimmt “Snow Fall”, meiner Meinung aber nicht den Vorbildcharakter. Natürlich sorgt der schiere Umfang des Stücks für ein bewunderndes “Wow!” Aber die Leistung, von der wir Journalisten mit geringerer Ressourcenausstattung lernen können, ist die Struktur von “Snow Fall”. Die organische, nicht redundante Verknüpfung von Text, Video, Foto(-Slideshow), interaktiver Grafik.  John Branch und sein Team haben es verstanden, jedem Teil der Geschichte das adäquate, sprich: ausdrucksstärkste Medium zuzuornden.

Zum spannend geschriebenen Text überlässt es der Autor dem emotionalen Medium Video, die Faszination Freeriden, das Fahren abseits der Piste im freien Gelände, in bewegten Bildern eindringlich vor Augen zu führen; ebenso wie die bewegenden Erinnerungen der Augenzeugen und Hinterbliebenen an den Lawinenabgang und die Opfer. Ebenso wie er entscheidende Momente der Geschichte in faszinierenden Fotos “einfriert”. Damit erzielt er Wirkungen, die auch der brillanteste Text nicht leisten könnte.

Das ist die eigentliche Vorbildwirkung von “Snow Fall” – auf dem Weg zu neuen journalistischen Formen im digitalen Zeitalter.

Voraussetzungen für Multimediareportagen

Diese Art zu erzählen ist nicht an Umfang und Aufwand eines Projektes gebunden, sondern vielmehr an den oft beschworenen “multimedia mindset”, an diese Geisteshaltung, eine Geschichte mit allen verfügbaren Medien zu erzählen. Gleichberechtigt – dass etwa Videos in einem Text nicht als notwendige Anhängsel abgetan werden, sondern als Elemente, die ganze Textpassagen ersetzen, weil sie deren Inhalt wirkungsvoller ausdrücken können als geschriebener Text.

Zwei Dinge braucht es meiner Meinung nach, damit solche Multimediareportagen in Zukunft häufiger produziert werden:

Zum einen braucht es gut ausgebildete Journalisten, die den beschriebenen Mindset haben: die sich in allen Medien zu Hause fühlen und die keine Berührungsängste haben in einem Team mit Grafikern, Technikern und Programmierern zu arbeiten. Diese Gesiteshaltung lässt sich lernen, die Aus- und Weiterbildungsangebote dafür gibt es.

Zum anderen braucht es aufgeschlossene Verleger, Medienunternehmer überhaupt, die davon überzeugt sind, dass das Multimedium Internet adäquate Multimedia-Berichterstattung braucht, um das Publilkum für journalistische Produkte zu begeistern. Es braucht mehr Mut als bisher.

“Snow Fall” ist ein gutes Beispiel für die Kraft multimedialen Erzählens, beeindruckend und spannend zu lesen, zu hören und zu schauen …

 

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