Social TV – Gemeinschaftserlebnis Fernsehen

Fernsehen war immer schon ein Gemeinschaftserlebnis. Menschen haben immer gemeinsam ferngesehen, zu Hause mit Familie und Freunden; beim Public Viewing in Massen bei Großereignissen.

Fernsehen ist Social currency. Wer eine Sendung gesehen hat, der kann am nächsten Tag am Arbeitsplatz mit Kolleginnen und Kollegen darüber reden. Wer die Sendung nicht gesehen hat, der fühlt sich mitunter ausgeschlossen.

Diese Funktion geht teilweise bis ganz verloren, weil sich das Programmangebot vervielfacht hat und es die großen Fernsehsendungen, die “man gesehen haben muss”, nicht mehr gibt. Und weil Fernsehen seine Funktion verändert hat und verändert, gerade unter jüngeren Zuschauern. Fernsehen ist nicht mehr das Lagerfeuer, um das sich die Menschen scharren, um Geschichten erzählt zu bekommen und dafür ihre Zeit investieren.

Nicht nur zuschauen

Fernsehen wird zum Nebenbeimedium, das nur dann die Aufmerksamkeit seines Publikums bekommt, wenn ihm der lineare Strom an Bildern, der in Zeiten des LCD-Flatscreens nur noch sprichwörtlich über den Bildschirm flimmert, ausreichend interessant erscheint.

SocialTV ist also nicht neu, SocialTV hebt das Gemeinschaftserlebnis Fernsehen vielmehr auf eine neue technische Ebene. Die Menschen, die sich in Gemeinschaft über Fernsehsendungen austauschen wollen, treffen sich nicht mehr im Wohnzimmer, im Wirtshaus, in der Bar oder beim Public Viewing. Sie treffen sich im Internet, wo sie sich mithilfe eines meist kostenlosen Apps über eine Sendung austauschen …

Möglichkeiten mit Social TV

Nicht nur das, SocialTV hat unterschiedliche Ausprägungen, deren Bandbreite jetzt, in der Anfangsphase der Entwicklung noch gar icht abzusehen ist:

  • Programmempfehlungen für Gleichgesinnte oder von Gleichgesinnten
  • Bewertungen von Sendungen
  • Interaktion mit der Sendung, die man anschaut (z.B.: rundshow)
  • Interaktion über Sendungen, die man anschaut (z.B. mit Couchfunk)
  • TV-Zuseher werden über soziale Netzwerke von den Fernsehstationen mit zusätzlichen Informationen zur Sendung beliefert (z.B.: Royal Wedding)
  • Weblogs über Fernsehen (z.B.: Fernseher kaputt)
  • usw.

Das Fernsehen ist dabei sich zu verändern … das zeigt sich schon an den Wegen, über die Fernsehen empfangen werden kann. War das vor wenigen Jahren noch ausschließlich das Fernsehgerät, so werden TV-Sendungen heute auf eine Vielzahl von Geräten wie Smartphones, Tabletts oder Notebooks gesehen. Im Internet haben Fernsehanstalten audiovisuelle Archive, TVthek oder Mediathek genannt, geschaffen, um die flüchtigen Fernsehsignale für eine Woche verfügbar zu machen.

Vom treuen Fernseh-Publikum

Das Fernsehen ist dabei sich zu verändern … allerdings nicht für die gesamte Öffentlichkeit. Jenes Publikum, das gelernt hat, sich zu einem vorgegebenen Zeitpunkt vor das Fernsehgerät zu setzen und das weiterhin nur passiv konsumieren will, dieses Publikum hält dem linearen Fernsehen unverbrüchlich die Treue. Nicht zu vergessen sind dabei auch jene etwas mehr als 20 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher, die keinen Intnetzugang haben und damit an den sozialen Netzwerken gar nicht teilnehmen können (Stand: 2011).

Das bestätigt die ORF-Medienforschung. Die Altersgruppe der Über-60-Jährigen in Österreich hat 2011 täglich im Durchschnitt 3 Stunden 40 Minuten ferngesehen, 92 Minuten mehr als das gesamte Fernsehpublikum. Auch in der Gruppe der 50-59-Jährigen lag die tägliche Fernsehnutzung um 41 Minuten oder fast eine dreiviertel Stunde über dem gemessenen Bevölkerungsdurchschnitt.

Von den Fernsehabstinenzlern

Das Fernsehen ist dabei sich zu verändern … Triebfeder sind jene Mediennutzerinnen und Mediennutzer, die gelernt haben, dass Medieninhalte zu jeder Zeit, an jedem Ort abrufbar sind. Die es gewohnt sind, an der öffentlichen Diskussion mit eigener Meinung und eigenen Beiträgen teilzunehmen. Wenn sie das wollen. Dieser naturgemäß immer größer werdende Teil der Bevölkerung reduziert seinen Fernsehkonsum – 2011 sahen die 30-39-Jährigen in Österreich um eine halbe Stunde täglich weniger fern als der Durchschnitt; bei den 20-29-Jährigen lag die tägliche Fernsehnutzung knapp eine Stunde unter dem österreichweiten Durchschnitt. Detailauswertungen des Teletest, des offiziellen TV-Quoten-Messverfahrens in Österreich, zeigen auch, dass gerade die Unter-30-Jährigen oft auf das Fernsehen verzichten.

Der Veränderung Rechnung tragen

Das Fernsehen ist dabei sich zu verändern … besser gesagt: durch verändertes Nutzerverhalten verändert zu werden. Dennoch glaube ich – anders als etwa Videopunk Markus Hündgen -, das Fernsehen wird noch lange eine gewichtige Rolle auf dem Bewegtbildmarkt spielen. Schon allein deswegen, weil Fernsehen für große Bevölkerungsgruppen immer noch das Leitmedium ist … siehe ORF-Medienforschung.

Auch weil das Broadcast-Medium Fernsehen bei angesagten Live-Ereignissen wie Endspielen bei der Fußballweltmeisterschaft oder Wahlberichterstattung unmittelbar nach Wahlschluss schnell und effizient ist.

Aber das Fernsehen, besser gesagt seine Macher, sind sicherlich gut beraten, daran zu denken, dass sich die Zusammensetzung der Teilnehmer an der Massenkommunikation zusehends ändert – hin zu jener Gruppe, die nicht mehr mit dem Fernsehen aufwächst, das nur passives Konsumieren zulässt (Vorsichtige Ansätze gibt es bereits, wie den zeitlich begrenzten Versuch rundshow im Bayerischen rundfunk oder ein Projekt im ZDF). Alle, die jetzt groß werden, lernen die Mediennutzung mit dem Internet, das auch den anderen beiden menschlichen Kommunikationsbedürfnissen Rechnung trägt: aktiv an der Kommunikation teilnehmen und Inhalte teilen … siehe oben.

Schlussbemerkung

Diese Gedanken über Social TV habe ich mir bei der Vorbereitung auf den Webmontag Salzburg am 4.6.2012 und auf den Salzburger Medientag im September 2012 gemacht. In beiden Veranstaltungen geht es um das Thema “Second Screen”.

Ein Gedanke zu “Social TV – Gemeinschaftserlebnis Fernsehen

  1. Ich sehe das ganz entspannt. Fernsehen wird uns noch Generationen erhalten bleiben und sich viel öfter und viel stärker neu erfinden, als wir es erahnen können. Aber Fernsehen ist eben Fernsehen. Bewegtbild kann und wird so viel mehr sein, losgelöst von allen bisherigen Nutzungsmöglichkeiten. Wir leben in der Science-Fiction unserer Kindheit. Und der Fortschritt überholt immer häufiger unsere Phantasie.

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