Zukunft des Journalismus: Macht braucht Verantwortung

Andreas Koller bei Zertifikatsverleihung KfJ“Wir Journalisten haben viel Macht, aber wir tragen wenig Verantwortung.” Das war eine der Kernaussagen von Andreas Koller, dem stellvertretenden Chefredakteur der Salzburger Nachrichten und österreichischer Journalist des Jahres 2010, als Ende Mai die 19 Absolventinnen und Absolventen des Journalisten-Kollegs des Kuratoriums für Journalistenausbildung ihre Zertifikate überreicht bekamen. Koller ist auch Vorstandmitglied des Kuratoriums. Thema des Festvortrags war “Journalismus hat Zukunft. Aber welche?

Es ist der Journalismus als solcher, den eine offene Gesellschaft mit Privilegien ausgestattet hat, damit er seiner wichtigen Funktion für diese offene Gesellschaft nachkommen kann.

So begründet Andreas Koller seinen Appell an die Berufskolleginnen und -kollegen, mit ihrer Macht verantwortungsvoll umzugehen. Gründe für diese Aufforderung gibt es ausreichend:

  • Die strikte Trennung zwischen Redaktion und Werbung/Öffentlichkeitsarbeit ist in vielen Medienbetrieben aufgehoben. Mehr noch: “Journalismus unter Kosten- und Zeitdruck ist heute immer öfter die verlängerte Werkbank professioneller PR-Strategen und Marketingabteilungen”, schreibt Thomas Leif vom”netzwerk recherche“.
  • In vielen Redaktionen wurden Personal und Ressourcen so stark eingespart, dass die verbleibenden Journalisten zum Beispiel nicht mehr ausreichend Zeit für Recherche oder Informantenpflege haben. Ganz zu schweigen von Aus- und Weiterbildung.

Medienfinanzierung über Regierungsinserate

Schließlich kritisierte Andreas Koller die ökonomische Nähe mancher Massenmedien zur Politik:

Wir erleben derzeit eine Allianz zwischen dem Zeitungsboulevard und der Politik, wie es sie kaum zuvor je gegeben hat. Eine Allianz, die weder den Zeitungen noch der Politik gut tut. Das hat einerseits mit der Inserierungsunkultur zu tun, auf die ich gerade hingewiesen habe. Und andererseits mit der Willfährigkeit bestimmter Politiker, die bestimmte Zeitungen nicht nur mit Inseraten überhäufen, sondern auch ihre Politik nach diesen Zeitungen ausrichten.

Bundesregierung und staatsnahe Betriebe, aber auch Landesregierungen inserieren in Printmedien um viel Geld – um so viel Geld, dass in Österreich sogar ein Gesetz für mehr Transparenz bei der Inseratenvergabe nötig wurde. “Schlechte Politiker und schlechte Journalisten gehen also Hand in Hand”, formulierte Andreas Koller beim Festvortrag vor den Absolventinnen und Absolventen des Kuratoriums für Journalistenausbildung.

“Ich glaube an die Zukunft des gedruckten Wortes”

Dennoch beließ es Andreas Koller nicht beim Aufzeigen der Fehlleistungen und Mängel der Branche. Im Gegenteil: “Ich glaube an die Zukunft des gedruckten Wortes” war eine weitere Kernaussage. Gerade im Zeitalter der sozialen Netzwerke, in der Überfülle nicht geprüfter Informationen; da sich die große Öffentlichkeit in eine Vielzahl von Interessengemeinschaften aufspaltet, sind nach Kollers Ansicht die klassischen Massnemedien als Träger des öffentlichen Diskurses unbedingt nötig.

Wenn sie wegfielen, fragte Koller, wer führte dann diesen öffentlichen Diskurs: “Ich weiß nur, dass Twitter und Facebook kein Ersatz für das Forum sind, das die klassischen Medien dem öffentlichen Diskurs bieten.” Andreas Koller sagte aber an prominenter Stelle, nämlich ganz am Anfang seines Vortrags, auch – vor allem in Richtung der Medienherausgeber – unmissverständlich:

Journalismus kostet Geld. Das klingt banal, scheint aber für manche Verleger eine neue und revolutionäre Erkenntnis zu sein. Wir haben Jahre des verlegerischen Irrglaubens hinter uns, wo es zum guten Ton gehörte, Journalismus durch sogenannten Content zu ersetzen und Journalisten durch beliebige Texter.

Gedanken zur Zukunft des Journalismus im Podcast

Journalismus benötigt ausreichend Geld, damit die Journalisten ihre wichtigen gesellschaftspolitischen Aufgaben auch erfüllen können. Die Aufgabe mit ihrer Macht verantwortungsvoll umzugehen, diese Aufgabe kann ihnen aber auch kein noch so hohes Redaktionsbudget abnehmen, ergänzt der Autor dieses Beitrags.

Weitere Gedanken zur Zukunft des Journalismus nannte mir Andreas Koller im Gespräch, das ich als Podcast diesem Beitrag beigefügt habe.

 

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